Carolin Rocks
Hamburg
Hamburg
Neuere deutsche Literaturwissenschaft
"Formen, Praktiken und Orte des Heilens. Zur ästhetisch-moralischen Potentialität der Literatur im 20. Jahrhundert", gemeinsames Projekt mit Dr. Alina Boy (Universität zu Köln)
Diagnosen von Krankheit, Pathologie und Verwerfung beschäftigen die Literatur seit jeher. Sie sind Ausdruck ihrer Fähigkeit, gesellschaftliche Umbrüche zu registrieren und dergestalt so etwas wie ,die nackte Realität‘ neu zu perspektivieren. Darüber hinaus werfen diese Diagnosen Fragen nach dem ästhetisch-moralischen Heilpotential von Literatur auf. Insbesondere für die Literatur nach 1945 lassen sich Diagnosen des Beschädigten und Kranken als Topoi bestimmen, die das düstere Bild einer ,sprachlosen‘, an der Wirklichkeit zerbrechenden Literatur zeichnen, der es an Ausdrucksformen für den ,Zivilisationsbruch Auschwitz‘ fehlt. Zugleich aber wartet die ,leidende‘ Literatur der Nachkriegszeit mit Heilung versprechenden oder utopischen Entwürfen auf – so etwa bei Hildesheimer oder Sebald, die ihre Texte als moralische Erprobungsfelder anlegen und Raum für potentiell heilsame literarische Tugendübungen eröffnen.
Ein ähnlich utopisches Potential entwerfen die mit Vorstellungen von Heilung beschäftigten Sanatoriumstexte der Jahrhundertwende (Schwerpunkt Projekt Alina Boy). Sie lassen sich als Heil-Orte beschreiben, da sie einerseits ein verdichtetes Nachdenken über die gesellschaftlich-kulturellen Umbruchsdynamiken der Moderne aufspannen. Andererseits zeigen sie – verstanden als Heterotopien im Sinne Foucaults – ihre Potentiale als Heilstätten moderner Subjektivität.
Das gemeinsame Projekt fragt nach Formen, Praktiken und Orten des Heilens einer potentiell kurativen Literatur des 20. Jahrhunderts und fokussiert deren Heilpotentiale im Spannungsfeld des Wirklichen und Möglichen. Im Horizont einer Poetik des Möglichen wird untersucht, inwiefern eine mit Formen des Heilens befasste Literatur praktische Orientierung bietet und damit das Verhältnis von Ästhetik und Moral neu auslotet.
Carolin Rocks, Dr. phil., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Germanistik der Universität Hamburg. Zuvor war sie Fellow in der DFG-Kolleg-Forschungsgruppe "Imaginarien der Kraft" an der Universität Hamburg (2020) und Postdoc-Mitarbeiterin am Deutschen Seminar der Universität Zürich im SNF-Projekt "ETHOS. Ethische Praktiken in ästhetischen Theorien des 18. Jahrhunderts" (2017–2020). Die Promotion erfolgte 2017 an der LMU München mit der Arbeit "Heldentaten, Heldenträume. Zur Analytik des Politischen im Drama um 1800 (Goethe – Schiller – Kleist)", de Gruyter 2020. Gefördert wurde die Arbeit durch die Studienstiftung des deutschen Volkes, die FAZIT-Stiftung und durch den SFB "Kulturen des Entscheidens" (WWU Münster). Sie studierte Deutsche Philologie, Philosophie und Erziehungswissenschaften an der WWU Münster und an der Washington University, St. Louis, MO (USA).
Monographie
Heldentaten, Heldenträume. Zur Analytik des Politischen im Drama um 1800 (Goethe – Schiller – Kleist). Berlin/Boston: de Gruyter 2020 (=Studien zur deutschen Literatur 221).
Herausgaben
(In Vorbereitung) Gottsched-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart/Weimar: Metzler 2023 (gemeinsam mit Sebastian Meixner).
Johann Jacob Bodmers Praktiken. Zum Zusammenhang von Ethik und Ästhetik im Zeitalter der Aufklärung. Hg. von Frauke Berndt, Johannes Hees-Pelikan u. Carolin Rocks. Göttingen: Wallstein 2022 (=Das achtzehnte Jahrhundert. Supplementa 31).
Ästhetik des Zufalls. Ordnungen des Unvorhersehbaren in Literatur & Theorie. Hg. von Christoph Pflaumbaum, Carolin Rocks, Christian Schmitt und Stefan Tetzlaff. Heidelberg: Winter 2015 (=Beiheft zu Euphorion. Zeitschrift für Literaturgeschichte 78).
Aufsätze
(Im Druck) The Moral Force of Art. Karl Philipp Moritz on Formative Imitation and ›Bildung‹. In: Forces of Nature. Dynamism and Agency in German Romanticism. Hg. von Frederike Middelhoff u. Adrian Renner. Berlin/Boston: de Gruyter 2022 (=Imaginarien der Kraft 4), S. 57–77.
Maria auf Goldgrund. Keller über das Glück (›Sieben Legenden‹). In: Gottfried Kellers Erzählen: Strategien – Funktionen – Reflexionen. Hg. von Philipp Theisohn. Berlin/Boston: de Gruyter 2022 (=Gottfried Keller Moderne 1), S. 217–244.
Ästhetisches ethos. Praxeologie, Foucaults ethische Praktiken und die Literaturwissenschaften. In: Zeitschrift für Ästhetik und Allgemeine Kunstwissenschaft 66/1 (2021), S. 69–95.
Das Gute empfinden lernen. Sulzer über den ethischen Nutzen der Kunst. In: Kulturen der Moral. Hg. von Kristin Eichhorn u. Lothar van Laak. Hamburg: Meiner 2021, S. 505–520.
Wärmen, glühen, verbrennen. Schiller und Kleist über die Thermodynamik charismatischer Affizierung. In: Politische Emotionen in den Künsten. Hg. von Philipp Ekardt, Frank Fehrenbach u. Cornelia Zumbusch, Berlin/Boston: de Gruyter 2021 (=Mnemosyne. Schriften des Internationalen Warburg Kollegs), S. 75–89.
Umkämpfte Hausordnung. Zur Korrespondenz von Seele und Sinnen in Jacob Baldes ›Urania Victrix‹. In: Simpliciana XLII (2020), S. 205–223 (gemeinsam mit Dennis Borghardt).
Dr. Carolin Rocks
Germanistik, Neuere deutsche Literatur
Sprache, Literatur, Medien (SLM I)
Institut für Germanistik
Universität Hamburg
Erich Auerbach Institute for Advanced Studies
Aufenthalt: 01.11.2022–31.01.2023
E-Mail: carolin.rocks(at)uni-hamburg(dot)de