Gösta Gantner
Heidelberg
Heidelberg
Direktorin Auerbach-Institut
In aller Munde Möglichkeit. Konturen und Konfliktlinien eines umkämpften Grundbegriffs aus Sicht der Kritischen Theorie
Grundbegriffe sind in aller Munde, was zu vielfältigen Bedeutungen und unterschiedlichen Verwendungsweisen beiträgt. In besonderem Maße ist davon der Begriff der Möglichkeit betroffen. Er führt unentwegt zu Missverständnissen. Welche begrifflichen Momente wie zur Anwendung gelangen, ist hochgradig voraussetzungsreich, abhängig von Erkenntnisinteressen, sozialen Kontexten oder praktischen Belangen. Die verschiedenen Konzepte resultieren aus ontologischen Weichenstellungen und weisen ideologische Imprägnierungen auf. Streit um ein angemessenes Möglichkeitsverständnis scheint somit vorprogrammiert.
Der Widerstreit der Möglichkeit entpuppt sich oft als Konflikt zwischen verschiedenen Denkstilen, Disziplinen oder Schulen. Am Beispiel der Kritischen Theorie soll gezeigt werden, wie sich im Begriff der Möglichkeit die Argumente gegen positivistische Strömungen, gegen die herrschenden Verhältnisse zementierende Denkweisen und gegen eine vom Wirklichen strikt getrennte Sphäre des Möglichen gleichsam verdichten. Der Möglichkeitsbegriff avanciert so zum Schlüsselbegriff emanzipierender Theorie und utopischer Reflexion. Eine derartige Profilierung des Möglichkeitsdenkens mag angesichts der sozialen und planetarischen Krisen im Anthropozän naheliegen, über die Unterschiede zu anderen einflussreichen Konzeptionen wurde aber bislang kaum gestritten. Worin bestehen genau die Spannungslinien? Welche Kontroversen gilt es zu intensivieren, um für diesen Grundbegriff zu sensibilisieren, der in der Kritischen Theorie gelegentlich blass wirkt, weil die mit ihm verbundenen Implikationen unausgesprochen bleiben?
Gösta Gantner (Dr. phil.), geb. 1979, lehrt und forscht an der Max Planck School »Matter to Life« an der Universität Heidelberg und war Mitarbeiter in verschiedenen Forschungsgruppen zu ethischen, rechtlichen und sozialen Fragen der modernen Lebenswissenschaften. Er promovierte an der Goethe-Universität Frankfurt am Main zum Begriff der Möglichkeit im Kontext der Kritischen Theorie. Weiterhin ist er in verschiedenen soziokulturellen Projekten aktiv und hat u.a. die wissenschaftliche, politische und künstlerische Auseinandersetzung um den NSU-Komplex in Jena 2021 unter dem Titel "Kein Schlussstrich!" koordiniert.
Bücher (in Auswahl)
Gantner, Gösta
Möglichkeit. Über einen Grundbegriff der praktischen Philosophie und kritischen Gesellschaftstheorie, Bielefeld 2021.
gemeinsam mit Tanner, Klaus, Kirchhof, Paul, von der Schulenburg, Matthias, Wolfrum, Rüdiger, Molnár-Gábor, Fruzsina, Frank, Martin, Plöthner, Marika, Genomanalysen als Informationseingriff. Ethische, juristische und ökonomische Analysen zum prädiktiven Potential der Genomsequenzierung, Heidelberg 2016.
Artikel (in Auswahl)
gemeinsam mit Staufer, Oskar, Platzman, Ilia, Tanner, Klaus, Berger, Imre and Spatz, Joachim, Bottom-up assembly of viral replication cycles, in: Nature Communications, 13, 6530 (2022).
gemeinsam mit Klein, Wolfgang-Michael
»Kein Patent auf Leben«!? Zum Einfluss umweltpolitischer Akteure auf die Entwicklung der Biopatentierung in Deutschland und Europa, in: Forschungsjournal Soziale Bewegungen, 33(2), 2020, S. 401–414.
»Zufall« ist das falsche Wort – Zusatzbefunde bei genomweiten Analysen und die normativen Konsequenzen, in: Langanke, Martin et al. (Hrsg.), Zufallsbefunde bei molekulargenetischen Untersuchungen – Medizinische, rechtliche und ethische Herausforderungen, Heidelberg: 2015, S. 107-118.
Ernst Bloch, in: Bedorf, Thomas et al. (Hrsg.), Die deutsche Philosophie im 20. Jahrhundert. Ein Autorenhandbuch, Darmstadt: 2013, S. 51-55.
Das Ende der »Deutschen Philosophie«. Zäsuren und Spuren eines Neubeginns bei Karl Jaspers, Martin Heidegger und Theodor W. Adorno, in: Gerhardt, Uta et al. (Hrsg.), Die lange Stunde Null, Baden-Baden: 2007, S. 175-202.
Dr. Gösta Gantner
Philosophie
Max Planck School »Matter to Life«
Universität Heidelberg
Erich Auerbach Institute for Advanced Studies
Aufenthalt: 01.–30.11.2022
E-Mail: me(at)goesta-gantner(dot)de