Till Greite
London
London
Institut für deutsche Sprache und Literatur I
01.05.–30.06.2026
Das Großbritannien nach 1933 war einer der wichtigsten Zufluchtsorte für Menschen, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden. Seine exilgeschichtliche Bedeutung ist mit einer ideengeschichtlichen Besonderheit verknüpft, die bisher kaum beleuchtet worden ist. Denn in London berührten sich die Fluchtwege zahlreicher deutschsprachiger, meist jüdischer Intellektueller, die im Exil daran gingen, die Grundlagen einer freien Gesellschaft neu zu verhandeln. Dass die Erfahrung der britischen Mentalität entscheidend war, zeigt exemplarisch ein Ausspruch Karl Mannheims: Er merkte an, dass die „gesamte Haltung“ seiner neuen Studien darin läge, „daß der Verfasser seit einiger Zeit in einem Land lebt, in welchem die liberale Demokratie fast ungestört weiterbesteht. Dadurch konnte er aus allernächster Nähe sehen, wie sich ihre Grundsätze auswirken.“
Dieses Erstaunen vieler bürgerlicher bzw. links-liberaler Exilanten über die unerwartete Resilienz des britischen Liberalismus führte viele von ihnen, durch die Fremdheitserfahrung des Exils verstärkt, zu einem Perspektivwechsel auf das Schicksal der liberalen Gesellschaft: Nicht wenige hegten die Hoffnung, im blutigen „Zeitalter der Extreme“ (E. Hobsbawn) zu einem neuen Gleichgewicht zwischen Freiheit und Solidarität zu gelangen.
Mit dem englischen Liberalismus vor Augen und der faschistischen Erfahrung am Horizont entstand eine Vielzahl politisch-soziologischer sowie literarisch-poetischer, vor allem essayistischer Exilschriften, die den Freiraum im Exil zur Diagnose der eigenen Gegenwart nutzten. Zwischen der Erfahrung der „faschistischen Sturmflut“ (W. Benjamin) auf der einen und dem Refugium des liberalen Englands auf der anderen Seite richten sich diese Texte auf das Ursachengeflecht der Katastrophe und konturieren zugleich eine mögliche Nachkriegsgesellschaft.
Dr. Till Greite ist seit 2024 British Academy Postdoctoral Fellow an der School of Advanced Study, University of London und Member of Staff am dortigen Institute of Languages, Cultures and Societies (ILCS). Er forscht am ILCS unter dem Titel ‚The Legacy of Exile’ zum deutsch-jüdischen Exil in UK.
Zuvor Promotion an der Humboldt-Universität zu Berlin, wo er bis 2023 wiss. Mitarbeiter am Institut für deutsche Literatur (Lehrstuhl Prof. Joseph Vogl) sowie Mitglied im PhD-Net ‚Das Wissen der Literatur‘ war. Daneben bis 2025 Mitarbeit in Prof. Joel B. Landes (Princeton) Goethe-Projekt< ‚Vagantenweistheit‘. Visiting Fellowships u.a.: Princeton University, University College Dublin, DLA Marbach sowie am Moses Mendelssohn Zentrum, Potsdam. Forschungsschwerpunkte: Literaturgeschichte des 19./20. Jahrhunderts, Metropolenkulturen, Exilforschung und Komparatistik sowie Phänomenologie/Hermeneutik.
mit Erhard Schütz (Hrsg.): Die lange Stunde Null: Beiträge zu Literatur und Film einer Übergangszeit um 1945. Berlin-New York, 2026 (im Erscheinen).
Die leere Zentrale. Berlin, ein Bild aus dem deutschen Nachkrieg. Eine literaturgeschichtliche Begehung. Göttingen 2024 (Rezensionen in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11/1/2025, 10; Welt am Sonntag, 2/3/2025, 6; Oxford German Studies 54, No. 2, 284-287; Scientia Poetica 29/2025, H 1, 326-333; H-Soz-Kult, 9/1/2026; Zeitschrift für Germanistik 1/2026, 216-217).
Hilde Domin, Michael Hamburger: ‘Von diesem neuen Volk der Displaced Persons’. Briefwechsel (1963-68), in Sinn und Form 2/2026, 209-230.
Von fahrender Habe und unbeweglichen Dingen: Berliner Fluchtlinien des Eingedenkens (Benjamin, Tergit, Hamburger), in: Jahrbuch für Exilforschung 43, hrsg. v. Doerte Bischoff et. al. Berlin-Boston 2026, 131-157.
mit Joel B. Lande: Ironische Selbstbehauptungen. Zur Poetik des Romans nach Hans Blumenberg, in: Anja Lemke, Nikolaus Largier (hrsg.). Hans Blumenberg und der Roman. Berlin 2025, 133-167.
A Place of Disturbance. Ingeborg Bachmann and Witold Gombrowicz in Postwar Berlin, in: Austrian Studies Vol 32/2024: Reading Bachmann Now. Hrsg. v. Andrea Capovilla et. al. Cambridge 2025, 190-207.
Das Unvergessliche im Kleinen: Georg Hermanns Großstadtminiaturen und die Poetik des Okkasionellen, in: Christian Klein (hrsg.). ‘Vom gesicherten und ungesicherten Leben.’ Neue Perspektiven auf das Werk von Georg Hermann. Göttingen 2024, 65-84.
Weltzugänge, Weltverluste: Max Schelers Phänomenologie als Herausforderung für den späten Robert Musil, in: Arthur Boelderl, Barbara Neymeyr (hrsg.). Robert Musil im Spannungsfeld zwischen Phänomenologie und Psychoanalyse. Berlin 2023, 13-36.
Berlin, a ‘Hollow Shell’ or a City as a ‘Laboratory Study’. Report on the Ford Foundation’s Cultural and Artistic Projects in Post-War Berlin in the 1960s, in: Rockefeller Archive Center Research Reports Sep. 2022, 24 S.
Gadamers Berliner Vortrag. Von der Korruptibilität des Menschen, in: Philosophische Rundschau. Vol. 66/2019, 14-24.
Dr. Till Greite
Institute of Languages, Cultures and Societies (formerly IMLR)
School of Advanced Study | University of London
Senate House | Malet Street | London WC1E 7HU
Erich Auerbach Institute for Advanced Studies
E-Mail:till.greite(at)sas.ac(dot)uk