Till Greite | Auerbach Lectures 11.05.2026
Einzelne statt Massen.
Der kakanische Kreis im Londoner Exil und die Kritik des Totalitarismus
Der Vortrag befasst sich mit dem ‚kakanischen Kreis‘, einer Gruppe deutsch-jüdischer Freunde aus der ehemaligen k.u.k-Monarchie, die alle den Holocaust überlebten und nach dem Zweiten Weltkrieg im britischen Exil wieder zusammenfanden. Sie lassen sich als zentraler Fall jener diasporischen Situation der deutschsprachigen Literatur nach 1945 begreifen – und dabei auch als Symptom für die verzögerte Rezeption exterritorialer Literatur in der deutschen Öffentlichkeit nach dem Krieg auffassen. Zu dem Exilkreis gehörten der später berühmte Essayist und Romancier Elias Canetti, der Dichter und Anthropologe Franz Baermann Steiner sowie der Schriftsteller, Soziologe und Philosoph H.G. Adler. Während Canetti und Steiner bereits in der Zwischenkriegszeit nach Großbritannien gekommen waren, gelangte Adler, der mehrere Konzentrationslager, darunter Theresienstadt und Auschwitz, überlebt hatte, erst 1947 ins Londoner Exil.
Bei diesem Kreis von Outsidern im intellektuellen Nachkriegsgroßbritannien handelt es sich um die Form einer exilischen ‚mini public‘, die als schöpferischer Inkubator mit starker konzeptioneller Verflechtung etwas vom Geist jenes im 20. Jahrhundert in Mitleidenschaft gezogenen Mitteleuropas im Exil bewahrte. Trotz ihres Unterschieds in Temperament und Erfahrungshintergrund verband sie ein persönliches analytisches Interesse, die jüngsten politischen Katstrophen im Zeichen von Totalitarismus und Shoah zu erfassen. In je eigener Weise setzen sie es in Schlüsselwerken um: in der dichten Beschreibung der KZ-Struktur als „Zwangsgemeinschaft“ (H.G. Adler), in einer tour d‘horizon des explosiven Verhältnisses von „Masse und Macht“ (Elias Canetti) oder mittels einer anthropologisch informierten Genese der Sklaverei (Franz Baermann Steiner) in zeitdiagnostischer Absicht. Dabei sollen Differenzen in ihrem Nachdenken und Zugriff auf das Phänomen ‚Totalitarismus‘ mitadressiert werden; diese entzündeten sich – exemplarisch zwischen Adler und Canetti – am Begriff des ‚Überlebenden‘ und seines ethischen Stellenwerts.
Ein letztes Augenmerk wird auf den besonderen Schreibweisen dieses Freundeskreises liegen, die sich im Gebrauch literarischer Formen wechselseitig inspirierten. Sie alle verband eine unzeitgemäße Verschmelzung von Essayismus, poetischer Imagination und autodidaktischem Privatgelehrtentum, das Fachgrenzen und Genres überschritt und sich möglicherweise gerade darin als Erbschaft ihres kakanischen Hintergrunds erweisen sollte.
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Ort & Zeit
Bibliothek Erich Auerbach-Institut
Weyertal 59 (Rückgebäude, 3. OG)
50937 Köln |
Montag, 11.05.2026 | 18:00 Uhr
Kontakt
Maximilian Kloppert
E-Mail: m.kloppert(at)uni-koeln(dot)de