Vortrag
Die totale Produktion der Disruption: Husserls Kritik der Verundendlichung heute
In Husserls Überlegungen zur Krisis der europäischen Wissenschaften ist die Unendlichkeitsproblematik zentral, sowohl für die Bestimmung der grundsätzlichen Verfasstheit des europäischen Geistes als auch für die Diagnose von dessen Krisenhaftigkeit. Der Vortrag entfaltet zwei originäre Weiterbearbeitungen dieser Problematik, die beide für eine Kritik der Gegenwart hoch relevant sind. Erstens wird Gérard Granels Reaktualisierung der Krisis-Überlegungen diskutiert, die mithilfe des Begriffs der totalen Produktion Husserls Lektüre der mathematischen Verunendlichung entscheidend supplementiert. Zweitens wird Bernard Stieglers weitreichende Neuinterpretation Husserls in den Blick genommen: durch die totale Kalkülisierung, die in der Automatisierung von Protentionen und im Ende von Theorie gipfelt, führt die gefährliche Sinnverschiebung durch die Technik, wie sie Husserl attestierte, infolge einer weiteren Iteration der abendländischen Verunendlichungsbewegung durch die planetarische Komputation direkt ins Sein in der Disruption. Es handelt sich um eine umfassende Krise planetarischen Wissens in der allgemeinen Proletarisierung des Anthropozäns, in der noch jedwede Fähigkeit zur Idealisierung kollabiert.
Ort und Zeit
Donnerstag, 25.06.2026 | 15 Uhr
Bibliothek des Erich-Auerbach-Institus
Kontakt: Bryan Norton & Thiemo Breyer