Franco Ferrari | Auerbach Lectures 22.06.2026
Ist der Dialog zwischen Individuen die einzige Form des Philosophierens bei Platon?
Zur Hermeneutik der platonischen Dialoge
Abstract
Im Rahmen der kritischen Debatte über die Natur und Funktion der Entscheidung Platons, Dialoge zu verfassen – im Gegensatz zu Traktaten, Lehrgedichten oder epidiktischen Reden –, hat sich in den letzten Jahren die Auffassung durchgesetzt, dass die dialogische Form bei Platon wesenseins mit der Philosophie selbst ist. Demnach werden die dialogische Form und der philosophische Gehalt als untrennbar voneinander betrachtet. Au seiner solchen Position ergibt sich die Aufassung dass, Platons Philosophie ihrem Wesen nach dialogisch ist.
Eine solche hermeneutische Perspektive, die besonders im anglo-amerikanischen akademischen Umfeld verbreitet ist, kennzeichnet das, was als “Dialogical Approach” oder auch als “Dialogical Turn” bezeichnet worden ist und dessen wichtigste Vertreter C. Gill, F. Gonzalez, G. A. Press u. a. sind. Es handelt sich um eine Position, die sich auf einen höchst bedeutenden Vorläufer in Friedrich Schleiermacher berufen kann, den Begründer der philosophischen Hermeneutik, bedeutenden Bibelinterpreten und Autor der ersten vollständigen Übersetzung der Werke von Plato in eine moderne Sprache (1804–1828).
In diesem Vortrag beabsichtige ich, den Zusammenhang zwischen Dialog und Philosophie – oder, wenn man so will, zwischen Dialog und Wahrheit – zu lockern, wenn nicht sogar aufzulösen, indem ich zu zeigen versuche, dass es gute Gründe gibt, Platon eine andere Position zuzuschreiben als jene, die ihm Friedrich Schleiermacher und seine zeitgenössischen Epigonen zuschreiben. Ich möchte nämlich die These vertreten, dass die Philosophie bei Platon nicht wesensmäßig mit dem Dialog verbunden ist.
Zunächst ist festzustellen, dass Platon zwar als der Begründer der Philosophie als einer autonomen Disziplin gelten kann – einer Disziplin, die durch eine eigene Sprache, spezifische Verfahren und besondere Gegenstände gekennzeichnet ist –, dass er jedoch nicht der Erfinder des Dialogs war. Dieser stellt vielmehr eine literarische Gattung dar, die mit der Figur des Sokrates verbunden ist und bereits vor und unabhängig von Platon entstanden war. Zweitens wird im Phaidros eine Auffassung der philosophischen Kommunikation theoretisch entwickelt, wonach das theoretische Niveau eines Gesprächs stets von den Gesprächspartnern abhängt, die daran teilnehmen. Dies bedeutet, dass die von Platon verfassten Dialoge nur dann den Anspruch erheben können, Wahrheit zu enthalten und zu vermitteln, wenn – und nur wenn – die Figuren, die sie bevölkern, über ein hohes intellektuelles und moralisches Niveau verfügen. Dies ist jedoch nur äußerst selten der Fall: Fast nie nämlich stellt Platon die Gesprächspartner seiner Dialoge als wirkliche “Philosophen” dar. Die wenigen Fälle, in denen dies geschieht, betreffen Figuren wie Diotima und Timaios; beide halten Monologe, entziehen sich also scheinbar der dialogischen Methode.
Drittens scheint Platon auf eine andere Form des Dialogs anzuspielen als jene, an der zwei oder mehrere Gesprächspartner beteiligt sind. In mindestens zwei Passagen – aus dem Theaitetos und dem Sophistes – deutet er auf den Dialog der Seele mit sich selbst hin, das heißt auf eine Form dialogischen Denkens, die keinen Bezug auf reale Gesprächspartner voraussetzt. Dieser Dialog der Seele mit sich selbst erweist sich zweifellos als dem tatsächlichen Gespräch zwischen zwei Individuen überlegen, da er einen rein rationalen und objektiven Charakter besitzt und von der individuellen und subjektiven Komponente gelöst ist, die in den persönlichen Neigungen konkreter Gesprächspartner implizit enthalten ist.
Die Politeia (bzw. der Staat) gilt vielleicht als das berühmteste Werk Platons. Zugleich ist sie jene Schrift, die den dialogischen Charakter des Philosophierens in paradigmatischer Weise zu verkörpern scheint (so ist beispielsweise behauptet worden, die Politeia inszeniere die “dialogische Gesellschaft” Platons). Die ersten Worte des Dialogs beschreiben den “Abstieg” des Sokrates in den Piräus. Dieser “Abstieg” wird häufig als Geburtsakt der Philosophie interpretiert: Sokrates ist noch kein Philosoph, sondern wird es erst, indem er mit seinen Gesprächspartnern in Dialog tritt. Es ist jedoch möglich, eine radikal andere Deutung der katabasis des Sokrates vorzuschlagen. Nach dieser Interpretation ist Sokrates bereits vollständig Philosoph, und zwar unabhängig von den kommunikativen Mechanismen des Dialogs. Die Wahrheit bildet sich demnach außerhalb des Dialogs.
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Ort & Zeit
Bibliothek Erich Auerbach-Institut, Weyertal 59 (Rückgebäude, 3. OG), 50937 Köln |
Montag, 22.06.2026 | 18:00 Uhr
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Maximilian Kloppert
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