Öffentlichkeit ist für eine Gesellschaft der Raum des Austauschs über Fragen des gemeinschaftlichen Lebens. Diese Freiheit zur nicht-privaten Debatte, zur Publikation wie zum politischen Handeln ist immer schon eine bedingte gewesen, von der griechischen Agora und dem römischen Forum (mit dem Ausschluss der ‚Unfreien‘) über den absolutistischen Fürstenhof bis zur Theater- und Salonkultur des Bürgertums im 18. und 19. Jahrhundert, die von der humanistischen Bildungsutopie getragen wurde. In den immer größer formierten sozialen Sphären der Moderne – von den ökonomischen Verflechtungen der ‚Nationalstaaten‘ über Radio und Fernsehen bis zu den Plattformen des digitalen Zeitalters – spielen Medien dabei eine immer wichtigere Rolle. Ein solcher „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (Jürgen Habermas) hat den Weg hin zu Massengesellschaften ermöglicht und die bürgerliche Öffentlichkeit der Wohlstandsgesellschaften als Kernelement demokratischen Gemeinwesens entstehen lassen. Aus heutiger Sicht stellen Medien zugleich das Dispositiv einer Pluralisierung, Facettierung und in Teilen Separierung des öffentlichen Raumes dar. Dem korrespondieren in weiten Teilen der westlichen demokratischen Gesellschaften Veränderungen des politischen Klimas. Die aktuell weltweit zu beobachtende Verschiebung liberaler Demokratien in Richtung Illiberalismus, „competitive Autoritarianism“ und Faschismus gibt Anlass, erneut nach den Funktionsweisen der Öffentlichkeit sowie den Strategien ihrer Zerstörung zu fragen.
Welche neuen Formen des Öffentlichen lassen sich angesichts des digitalen Wandels identifizieren, welche sozialen und politischen, aber auch kulturellen und medialen Praktiken gestalten den öffentlichen Raum, und inwieweit lassen sie sich als kritisches Instrument in und für Demokratien verstehen? Bietet gerade die Pluralisierung konkurrierender Öffentlichkeiten die Chance, die „nostalgische Trope“ (Seyla Benhabib) zu revitalisieren und Aspekte deliberativer Politik (Habermas) oder eines „sensus communis“ (Hannah Arendt) neu zu diskutieren, ohne Fragen der Exklusion, der Ungleichheit und der Teilhabe außer Acht zu lassen? In welchem Verhältnis zueinander stehen das Politische, das Soziale und das Private in den unterschiedlichen Öffentlichkeitsmodellen, welche Gemeinschaftsvorstellungen werden von ihnen adressiert, und wie verhält sich der Diskurs über die Öffentlichkeit zu staatlichen Institutionen und zu den Sphären des Rechts, der Kultur und den Wissenschaften? Welche Funktion kommt der Leitunterscheidung öffentlich/privat in Zeiten einander überlagernder Sphären und der Veränderung sozialer Räume in „social media“ zu, wenn einerseits der (semi-)öffentliche Austausch immer stärker in die „Privatsphäre“ hineinwirkt, andererseits das „Öffentliche“ immer segmentierter und exklusiver erscheint?
Neben gegenwartsbezogenen und systematischen Analysen lädt der Jahresschwerpunkt auch zu historischen Konturierungen von Öffentlichkeiten ein. Soziale und politische Dynamiken, Vernetzungen ebenso wie Streitkulturen im öffentlichen Raum oder die Bewegungen und Veränderungen, die Objekte im Eintreten oder Durchqueren öffentlicher Sphären erfahren, sind genauso von Interesse wie eine historisch orientierte Begriffsarbeit.